Fragment „Werwölfin“

Das nachfolgende Fragment ist entstanden, als ich mir Gedanken darüber gemacht hab, was für Konflikte in einer Welt entstehen könnten, in der es Vorurteile gegenüber magischen Geschöpfen gibt, wie in unserer (leider immer wieder) gegenüber anderen Ethnien oder Bevölkerungsgruppen. Ich hab dazu noch viele Notizen gemacht, gefunden habe ich elektronisch grade nur das Nachfolgende (ausserdem bitte ich Tippfehler zu entschuldigen, bin zu müde grade, um noch mal drüber zu lesen):

Gin hatte erst ein paar Nächte in dem Gasthaus verbracht, fühlte sich aber ziemlich wohl und beschloss noch ein Bisschen länger zu bleiben. Die Leute in diesem Dorf waren freundlich und nicht so misstrauisch wie anderswo. Es tat gut sich mal nicht andauernd Gedanken darüber machen zu müssen, dass jeder sie genau im Auge behielt, weil sie fremd war und somit das Risiko für sie steigerte, erkannt zu werden. Hier schien alles in Ordnung zu sein, solange sie ihre Zeche bezahlte und nichts unüberlegtes anstellte. So dachte sie sich nichts dabei, als die Wirtin sie bat, ihr zu helfen, einen Sack Kartoffeln aus dem Keller zu holen. Ihr Mann war auf dem Markt und die Knechte mitgegangen, warum also sollte Ginevra ihr nicht helfen. Sie hatte ohnehin nichts vor. Während die Wirtin ihr mit der Lampe die Treppe beleuchtete, stieg Gin durch die Falltür in den Vorratskeller hinunter und nahm die Lampe entgegen, um der Wirtin nun ihrerseits zu leuchten, als diese wider erwarten die Falltür zufallen liess und Gin hören konnte, wie der schwere Riegel vorgeschoben wurde. Einen Augenblick war sie völlig perplex und verwundert, dass man sie einschloss, dann jedoch überwand sie den kleinen Schock und kletterte zu der schweren Holztür hoch, um dagegen zu hämmern. „He!“ versuchte sie eine Reaktion zu provozieren, „Lasst mich raus! Ich habe nichts getan! Ihr könnt mich nicht einfach einsperren!“ Ärgerlich und gleichzeitig ängstlich, bearbeitete sie das unnachgiebige Holz weiter mit den Fäusten und schrie um Hilfe, aber von oben waren nicht einmal Schritte zu vernehmen. Erst als ihr die Fäuste schmerzten, gab sie auf und setzte sich unten auf den Treppenabsatz. Sie frage sich sorgenvoll, warum die Wirtin sie in diese Falle gelockt hatte. War es möglich, dass jemand ihr Geheimnis entdeckt hatte? Sie hatte sich doch nicht verraten, oder? Anzusehen war ihr ihre Herkunft nur schwer, solange sie die goldene Farbe ihrer Augen mit einem optischen Färbemittel veränderte. Das tat sie auch sehr sorgfältig jeden Morgen und sie hatte es nie vergessen. Immerhin bestand noch eine kleine Chance, dass es einen anderen Grund dafür gab, dass sie eingesperrt worden war, auch wenn ihr beim besten Willen keiner einfiel. Aber auch diese Chance würde verblassen, wenn sie zu lange eingesperrt blieb. Sie hatte ihr Färbemittel nicht mit und wenn sie es länger als zwölf Stunden nicht auftrug, würden ihre Augen wieder ihre natürliche Färbung annehmen. Damit wäre spätestens klar, dass sie nicht rein menschlicher Natur war. Angst stieg in ihr hoch. Das kleinste Übel wäre vermutlich eine schnelle Hinrichtung. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was es für Alternativen gab. Sie fröstelte, aber nicht allein weil es in dem Keller so kühl war. Sie musste einen Ausweg finden und dass möglichst, solange die Lampe noch brannte. Unsicher stemmte sie sich auf die Füsse und begann den Keller systematisch zu durchsuchen. Ausser Regalen mit Eingemachtem, Kartoffelsäcken und Fässern fand sie aber nichts und untersuchte Wände, Boden und Decke genauestens. Die Falltür war der einzige Ausgang und es würde zu lange dauern, sich einen Fluchtweg durch den festgedrückten Boden oder die steinverstärkten Wände zu graben, zumal mit blossen Händen. Zumindest würde sie nicht verhungern. Sie kroch erneut die Treppe hinauf und versuchte jemanden dazu zu bewegen von ihr Kenntnis zu nehmen, aber erneut vergebens. Die Tür sass ausserdem so fest, dass sie vermutete, dass etwas schweres oben auflag. Auch hier gab es keine Hoffnung auf ein Entkommen. Sie musste abwarten. Aus ein paar leeren Säcken richtete sie sich ein Lager unter der Treppe und blickte voller Angst der Flamme der Lampe zu, die allmählich immer schwächer wurde und schliesslich verlosch. Nun sass sie im Dunkeln fest. Ein paar Mal waren oben schwere Schritte zu hören, doch noch immer reagierte niemand auf ihr Rufen oder Fluchen. Es wurde Abend und sie vernahm die fernen Geräusche, als der Betrieb in der Gaststädte einsetzte. Auch jetzt half ihr anhaltendes Pochen genauso wenig wie ihr verzweifeltes Geschrei, das sie erst aufgab, als sie heiser war und andauernd husten musste. Da keiner sich darum kümmerte, ob sie da war oder nicht, bediente sie sich an den Vorräten und stillte so zumindest Hunger und Durst. Der Geräuschpegel liess nach und es wurde Nacht. Gin kuschelte sich so bequem ein, wie es ihr einfaches Lager aus kratzigen Säcken zuliess und versuchte zu schlafen, was ihr nur unzureichend gelang. Auch als am Morgen die Geschäftigkeit über ihr wieder anbrach, kümmerte sich noch immer keiner um sie. Angst und Ungewissheit überwältigten sie und sie weinte eine Weile verzweifelt. Mittlerweile würde das Färbemittel seine Wirkung verloren haben und alle würden sehen können, was sie war. Das hier war schlimmer, als alles, was sie bisher erlebt hatte. Sie hätte eine Verfolgungsjagd jederzeit vorgezogen, weil sie dort zumindest eine Chance gehabt hätte zu entkommen. Aber so war sie einfach dazu verurteilt untätig abzuwarten, bis jemand kam, um das Urteil zu vollstrecken. Verzweifelt wiegte sie sich selbst in ihrem Versteck unter der Treppe und fuhr bei jedem Geräusch, das zu  ihr nach unten drang zusammen. Ein weiterer Tag verstrich und sie war froh einen leeren Eimer gefunden zu haben, in den sie sich erleichtern konnte. Die Nacht verging mit endlosen Stunden, in denen sie mit ihrer Angst völlig allein war und ein weiterer Morgen brach an. Bereits die schweren Schritte, die sich der Falltür näherten liessen sie aufschrecken und entsetzt nach oben blicken. Ein schleifendes Geräusch erklang und danach wurde der Riegel zurückgeschoben. Die Falltür schwang auf und Gin blinzelte gegen das schwache Licht an, um etwas zu erkennen. „Seid vorsichtig,“ mahnte eine Stimme heiser, „Eingesperrte Tiere reagieren oft unberechenbar.“ Das war es. Sie wussten, was sie war. Gin rutschte soweit wie möglich in die Schatten unter der Treppe zurück, aber natürlich war es eine Utopie zu glauben, sie könnte sich verstecken.

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