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Vergleich mit anderen Frauen stand zu halten. Der Gedanke stimmte sie traurig, aber gleichzeitig redete sie sich ein, dass es sie auch erleichterte, weil sie nicht weiter darüber nachdenken musste, wie er sie ansah und ob seine Fürsorge mehr zu bedeuten hatte, als der Pflicht nachzukommen, die der Bann ihm auferlegte. Sie verscheuchte die ungebetenen Gedanken mit einem tiefen Durchatmen und erhob sich. Ihr Blick streifte über das gegenüberliegende Ufer des Flusses und sie erstarrte erschrocken. Zwischen den grauen Baumskeletten tauchte ein Reiter auf und lenkte sein Pferd die seichte Böschung hinunter, um es trinken zu lassen. Noch bevor sie ihn zwischen den Ästen hindurch erkennen konnte, fing ihr Herz heftig zu pumpen an und Entsetzen übernahm ihr Denken. Sie wusste nicht, warum bereits der kurze Blick, den sie auf den Fremden erhaschte, sie in eine solche Panik versetzte. Es konnte nicht allein an dem Umstand liegen, einen unbekannten Reisenden zu entdecken. Natürlich waren sie durch Ravens Vorsicht genau solchen Begegnungen aus dem Weg gegangen und jetzt ohne Raven auf den Unbekannten zu treffen, verunsicherte sie verständlicherweise. Allerdings erklärte es nicht, warum es sie regelrecht in Panik versetzte. Sie war zu keiner Bewegung mehr fähig, wagte nicht sich auch nur zu rühren und vergass für einen Augenblick sogar das Atmen. Alles, was sie tun konnte, war zu beobachten und vergeblich gegen die Panik anzukämpfen, die sie jeden Moment zu überwältigen drohte. Der edel gewandete Reiter glitt geschmeidig aus dem Sattel und hielt sein leicht verschwitztes Reittier am langen Zügel, während es zögerlich seinen Durst stillte. Der Reiter nahm ein paar tiefe Atemzüge, als fiel ihm eine Last von den Schultern, und lehnte sich lässig an den Sattel. Er wirkte irgendwie erleichtert und strich sich eine Strähne seines langen, silbern glänzenden Haares aus dem Gesicht. Auf seinen jugendlichen Zügen lag ein ausserordentlich ernster Ausdruck, der ein wenig zu verbissen wirkte und nicht zu der übrigen Erleichterung zu passen schien. Trotz des harten Ausdrucks und der Angst, die er in seiner unbemerkten Beobachterin auslöste, war er der schönste Mann, den sie je zu Gesicht bekommen hatte. Er erschien ihr wie ein düsterer Engel, der aus einer Legende auferstanden war. Der Gefahr verheissende Hauch, der ihn umgab wie eine beinahe sichtbare Aura, tat seiner Schönheit keinen Abbruch, sondern unterstützte sie noch. Die Mischung aus unschuldiger Jugend und