Seite 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6

düsterer Ausstrahlung war wie eine exotisch verführerische Anziehungskraft, der sie sich nur schwer entziehen konnte. Gleichzeitig konnte sie die Angst, die sein Erscheinen in ihr auslöste, beinahe schmerzlich im ganzen Körper fühlen. Ein Teil von ihr sehnte sich danach geradewegs auf ihn zuzueilen, ungeachtet des eisigen Flusses, der sich zwischen ihnen befand, nur um ein einziges kleines Lächeln aus der Nähe zu sehen. Ein anderer Teil von ihr wollte in Panik davon laufen und eine möglichst grosse Distanz zwischen sich und den Fremden bringen, bevor er überhaupt feststellen konnte, dass sie existierte. Und obwohl beide Bedürfnisse beinahe übermächtig wurden, konnte sie sich kein Stück vom Fleck rühren. Es war, als würde sie entweder eine heilige Andacht stören oder ihr Todesurteil bedeuten, wenn sie sich verriet und sein Blick auf sie fiel. Einen Moment lang war sie so überwältigt von seinem Anblick und dem Gefühlschaos, das er in ihr auslöste, dass sie nicht wusste, was sie überhaupt empfand. Es schien ihr fast so, als hätte sie für einen Sekundenbruchteil das Bewusstsein verloren. Als die Welt mit all ihren Empfindungen wieder auf sie einprasselte, stiess der Fremde sich mit den Schulterblättern vom Sattel ab und wandte sich dem Fluss zu. Und bemerkte sie. Er erstarrte bei ihrem Anblick wie sie und nach einem Augenblick der puren Überraschung, fokussierte sein Blick sich ganz auf sie. Auf seinem Gesicht spiegelte sich dasselbe Erstaunen wie auf ihrem, doch dann veränderte sich etwas beinahe unmerklich und so etwas wie ein Erkennen trat auf seine Züge. Seine kalten, tiefblauen Augen schienen sie zu fixieren und zu durchleuchten. Es fühlte sich an, als bohre sich sein Blick bis in ihr Innerstes und examiniere dort genauestens, was er vorfand. Die Empfindung war geradezu schmerzhaft. Anna fühlte, wie sie Schicht für Schicht auseinander genommen und beurteilt wurde, jedes kleine Stückchen von ihr. Gleichzeitig steigerte sich das Gefühl purer Angst zur Unerträglichkeit. Ihr inneres Wesen wand und wehrte sich, schrie lautlos um Hilfe und versuchte sie verzweifelt dazu zu bringen wegzulaufen, aber sie hatte keine Kontrolle über ihren Körper oder über ihre Stimme. Wie hypnotisiert erwiderte sie den fesselnden Blick aus seinen kalten Augen, nicht fähig, ihn davon abzuhalten ihren Wesenskern zu entblössen. Und plötzlich schlug ihre Erinnerung zu. Sie kannte diese Augen, diesen kalten, zerstörerischen Blick. Sie hatte ihn bereits in ihren Albträumen gesehen, bevor sie